John Jake - Sturm über Charleston

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    • John Jake - Sturm über Charleston

      Ich habe wieder einen Roman von John Jakes bekommen und in den letzten Wochen in Ruhe durchgelesen. Der Titel lautet im Original "Charleston", in der deutschen Übersetzung "Sturm über Charleston".

      In bekannter Art und Weise setzt der Autor die Entwicklung einer Familie in den historischen Kontext ihrer Zeit. Jakes erklärt im Vorwort, dass er die wechselvolle Geschichte seiner Wahlheimatstadt Charleston, SC ausgesucht hat, und zwar die etwa 100 Jahre von 1770 bis 1870, also von kurz vor der Unabhängigkeit bis nach dem Bürgerkrieg.

      Anders als in "Fackeln im Sturm" ist diesmal der zeitliche Rahmen sehr weit, dafür der örtliche Rahmen eng und nur im Umfeld der Stadt Charleston zu sehen. Einige wenige Streifzüge führen auch nach Washington, Boston und Chicago, aber nur zum besseren Verständnis der Entwicklung einzelner fiktiver Figuren. Handlungsschwerpunkt ist alles was in Charleston passiert, aus Charleston stammt oder auf Charleston zukommt.

      Fiktiv ist die Familie Bell, Einwanderer aus England. Der "Stammvater" ist Händler und betreibt einen Warenumschlagsplatz mit Landungsbrücke am Cooper River. Seine zwei Söhne entwickeln sich sehr unterschiedlich. Der eine bleibt redlich und führt das Geschäft des Vaters weiter, der andere entwickelt sich zu einem ruhmsüchtigen Snob. Während der eine liberale Einstellungen zu Politik und Gesellschaft hat, ist der andere ein Südstaatler von der bornierten Form. Und dann gibt es noch eine separate Familie, die mit den Bell's im Familienstreit liegt und diesen ständig Unheil bringen will. Während die Tochter des einen abolitionistische Standpunkte vertritt und deshalb zeitweise im Norden in dieser Sache aktiv wird, gelangt der Sohn des anderen als Unterstützer des feurigen Politikers John C. Calhoun bis in das Abgeordnetenhaus in Washington.

      Sklaverei ist in Charleston das Thema Nummer 1. Keine Stadt hat so viele Sklaven pro Einwohner wie diese. Und gleichzeitig ist ständig die Angst vor Sklavenaufständen da. Es scheint fast so, als wird das Ende der Sklaverei nach dem Bürgerkrieg auch als eine Art Befreiung empfunden - von einem Problem das man zwar sah aber nicht imstande war, selbst zu lösen.

      Historische Figuren und Begebenheiten werden auch reichlich behandelt. Insbesondere John C. Calhoun wird fest in die Geschichte einbezogen, aber auch bedeutende Personen in allen Phasen der beschriebenen Stadtgeschichte.

      Wer schonmal in Charleston war, egal ob persönlich oder durch intensive Beschäftigung mit der wundervollen alten Stadt, dem wird es ziemlich schmerzen, wie plastisch Jakes die Zerstörungen beschreibt, die durch die Engländer im Unabhängigkeitskrieg, durch Stadtbrände, und dann durch den Bürgerkrieg angerichtet wurden. Und doch ist die Stadt immer wieder erwacht. Nach der Unabhängigkeit entwickelte sie sich rasch zur wohl mondänsten Stadt aller Südstaaten. Aber dieser Glanz hatte auch Schattenseiten.

      Es gab einige sehr wohlhabende Familien, abgehoben und snobistisch. Aber es gab auch viele arme Weiße, die kaum genug zum Überleben hatten. Und natürlich die Sklaven, die ja nicht als Menschen sondern als "Lebendes Eigentum" angesehen wurden. Schon ein paar Jahre vor dem Bürgerkrieg drohte die Stadt an ihrem eigenen, teils eingebildeten Stolz zu ersticken. Im Krieg dann wurde dieser Snobismus gründlich beschädigt. John Jakes rundet dies ab, indem er beschreibt, wie sich in den ersten Jahren nach Kriegsende langsam wieder "neues" Leben in der Stadt entwickelt, teilweise geläutert, teilweise noch immer stolz, aber nicht mehr so abgehoben. Das ist es wohl, wie er auch heute noch die Stadt sieht, die er sich für seinen eigenen Lebensabend ausgesucht hat.

      Mein Fazit:
      Das Buch ist eine wundervoll ausgeschmückte Milieu-Studie der Stadt und seiner Bewohner über einen Zeitraum von 100 Jahren. Zwar fehlt es nicht an Intrigen und Verbrechen bis hin zum Mord. Aber so richtig spannend wird es in diesem Buch eigentlich nicht. Auch die ganz großen Gefühle kommen diesmal nicht so in den Vordergrund. Mir fällt auf, dass Jakes in verschiedenen Phasen geschrieben hat. Manche Phasen sind voll gepackt mit historischen Details, andere drehen sich nur um die fiktiven Protagonisten, ihre zwischenmenschlichen Dinge und Gedanken.

      Man darf von diesem Buch, das einzig von einer einzelnen Stadt handelt, keine umfassende Aufklärung in amerikanischer Geschichte erwarten. Aber wer zu hierzu bereits über etwas Grundwissen verfügt, für den entsteht ein neuer, sauber herausgearbeiteter Baustein dieses Themengebietes.

      Als Schulnote würde ich dem Buch eine 2 geben mit der Bemerkung: sehr gut recherviert, nett geschrieben, manchmal etwas flach, aber sehr lesenswert

      PS: Es gibt auch ein paar kleine Querverbindungen zu "Fackeln im Sturm". Mehrfach fahren Protagonisten zwischen der Stadt und ihrer Sommersitz-Plantage hin und her und erwähnen dabei die Auffahrtallee von Mont Royal. Auch die "verrückten Nachbarn" der Main's werden einmal erwähnt. Und es wird genannt wie Cooper Main im Krieg am Tauchschiff "Hunley" arbeitet.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr