Sterne der Hoffnung

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    • Sterne der Hoffnung

      Am vorliegenden Buch "Sterne der Hoffnung" (englisch: American Dreams) hat John Jakes zwischen 1995 und 1997 gearbeitet, nachdem er durch viele Zuschriften aufgefordert wurde, die Geschichte des Buches "Flamme der Hoffnung" (englisch: Homeland) fortzusetzen. Hierin hatte er den Werdegang einer Einwandererfamilie aus Deutschland in der Zeit zwischen 1895 und 1905 nachgezeichnet und wie stets - in historischen Kontext eingebettet.

      In "Sterne der Hoffnung" greift Jakes trotz 700 Seiten Umfangs nur wenige markante Themen auf, die dafür umso ausführlicher behandelt werden. Der historische Zeitraum liegt zwischen 1908 und 1915. Kernthemen sind der Stummfilm, das Automobil, das Flugzeug, Panco Villa's Revolution in Mexiko und der Ausbruch des 1. Weltkrieges.

      Die Ausgangssituation ist die Familie Crown, eingewandert aus Deutschland. Der Vater Joe Crown hat in Chicago eine Brauerei aufgebaut und mit ihr viel Geld und gesellschaftliches Ansehen verdient. Er hält steif an deutschen Traditionen fest, während seine Kinder, die in Amerika aufgewachsen sind, von verschiedenen Strömungen des "amerikanischen Geistes" geleitet werden.

      Der älteste Sohn Joey ließ sich vom sozialistischen Gedankengut anstecken und lehnt es ab, dem Status des Vaters als Firmenpatriarch nachzufolgen. Er ist knapp 30 Jahre alt und lebt zuhause, nachdem er bei einem Gewerksschaftsstreit verkrüppelt wurde. Insgesamt trägt er als Figur kaum zum Fortgang der Handlung bei.

      Die Tochter Frederica, genannt Fritzi, entdeckt ihr Talent für die Bühne. Als sie mit 26 Jahren beschließt, sich auf dem Broadway von New York zu beweisen, versagt ihr Vater Joe jegliche Unterstützung, da er nach alter Tradition Schauspieler für ein liederliches Volk hält. Fritzi's Ehrgeiz hält sie bei der Stange, als der Bühnenerfolg ausbleibt. Um sich wenigstens ein wenig Geld zu verdienen, beginnt sie beim noch recht neuen Stummfilm und erlebt die verschiedenen Phasen der Filmkunst und den Aufstieg der Branche mit.

      Mit dem Wechsel nach Los Angeles wird Fritzi Zeuge, wie die Kunstwelt in der Filmstadt Hollywood erwächst. Sie selbst erlangt in komödiantischen Rollen der damals kaum 15 Minuten langen Filmchen landesweite Bekanntheit. Ein geordnetes Familienleben oder wenigstens eine beständige Partnerschaft bleiben hierbei auf der Strecke.

      Fritzi's jüngerer Bruder Carl ist ein Vagabund. Das Studium in Princeton bricht er ab und hält sich mit Gelegenheitsdiensten über Wasser, bis er seine Faszination für schnelle Autos entdeckt. Das Automobil war erst wenige Jahre serienreif, aber die Entwicklung schreitet insbesondere in Amerika stürmisch voran. Carl erlebt die Fahrzeugproduktion in Detroit und frühzeitige Autorennen. Dies ist nur durch die nächste, ebenfalls noch junge technische Disziplin zu steigern, der Fliegerei, der sich Carl hiernach zuwendet. Bedingt durch die politischen Entwicklungen bekommt das Fliegen ganz plötzlich einen ernsten Hintergrund, und Carl findet sich als Aufklärer in der mexikanischen Revolution von Pancho Villa und dann als Kampfpilot für Frankreich im 1. Weltkrieg wieder. Sein unstetes Leben macht auch ihm die Gründung einer Familie bis zu seiner Ausmusterung 1915 unmöglich.

      Schließlich wird noch der Weg von Paul Crown thematisiert. Er ist Cousin von Joey, Fritzi und Carl, hat aber im Gegensatz zu Joe Crown's eigenen Kindern eine liebe Frau und zuletzt vier Kinder. Als als Kamerajournalist einer englischen Zeitung lebt er in London. Von dort aus wird er an alle politisch und gesellschaftlich interessanten Punkte des westlichen Kosmos geschickt. Für John Jakes ist er das Trittbrett, um all jene historischen Ereignisse näher zu beleuchten, die sich nicht direkt mit Schauspielerei, Autos oder Flugzeugen befassen.

      Ein paar Dinge fallen mir im Vergleich zu seinen früheren Werken auf:

      Im gesamten Buch baut sich kein wirklicher Spannungsbogen auf. Vielmehr ist es zumeist eine lockere, interessant zu lesende Erzählung. Auch die sonst üblichen Spannungs-Stilmittel eines Erzfeindes, der über Jahre und Orte hinweg immer wieder erscheint, kommt hier nicht vor.

      Alle Hauptfiguren bleiben - abgesehen von gelegentlichen Blessuren - von körperlichen Schäden oder dem Tod verschont. Insgesamt kommen nur drei Nebenfiguren zu Tode, ein Unhold in Abwehr eines Mordanschlages, die Frau eines Filmverlegers beim Untergang des Ozeandampfers "Lusitania", und ein Kamerahelfer im Schützengraben von Frankreich.

      Auch werden Frauen stets damenhaft behandelt. Es gibt keine Vergewaltigungen, und selbst als der oben erwähnte Unhold einmal zudringlich wird, kann er in die Flucht geschlagen werden.

      Keine der Hauptfiguren hat ernsthaften Kontakt zu den entscheidenden Führern ihrer Zeit. Höchster Vertreter dieser Klasse ist der spätere US-Präsident Woodrow Wilson 10 Jahre vor seinem Amtsantritt als Hochschulvorstand. Verbindungen zu höchsten Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft kommen hier nicht vor. Insgesamt tritt die Politik, das Militär, die wirtschaftliche Entwicklung oder auch die Hochfinanz, in eine Statistenrolle zurück oder erscheint überhaupt nicht.

      Auf der anderen Seite findet sich auch diesmal wieder eine der für John Jakes so typischen, überirdisch willensstarken Frauen, die ihr Verlangen nach einem Mann zurückstellen, um ihn sein eigenes Leben führen zu lassen. In "North and South" war dies Madeline, die ihren Mann Orry verlässt um Schande von der Familie abzuhalten. In "The Kent Cronicles" war es unter Anderem Dolly, die - obwohl schwanger von ihm - ihren Mann Matthew verlässt damit dieser das bohemische Künstlerleben als Maler weiterführen kann. Und hier ist es Tess, die Carl Crown fortschickt, damit sie seinem Wesen als Vagabund nicht bindend im Wege steht.

      Zusammenfassend möchte ich das Buch wie folgt bewerten:

      John Jakes ist weiterhin ein Erzähler, der sich sehr flüssig lesen lässt. Aber dieses Buch zählt nicht (mehr?) zu seinen Besten. Wer frühere Romane von ihm gelesen hat wie die "Kent Cronicles" oder "North and South", wird vielleicht etwas enttäscht sein. Obwohl die Familiengeschichte interessant angelegt ist, fehlt es an breiter thematischer Aufstellung und inneren Verknüpfungen der einzelnen Handlungsstränge. Die Mitglieder der Familie Crown besuchen sich zwar zu unterschiedlichen Anlässen, aber diese Treffen sind so kurz und für den Handlungsablauf von schwacher Bedeutung, dass dasselbe auch mit einem Brief oder einem Telefongespräch zu erreichen gewesen wäre.

      Die Detailverliebtheit von Jakes' Recherchen ist wie immer vorbildlich. Wer sich für die ausgebreiteten Themen interessiert, wird in Hülle und Fülle bedient. Im Nachwort sagt er selbst, dass ihm insbesondere das Leben als Schauspieler und die Stummfilm-Ära am Herzen gelegen waren. Auch Marken und Details von Automobilen und Flugzeugen prasseln geradezu auf den Leser ein. Nur wenige dieser Details werden aber vertieft oder so eingebaut, dass es über die einmalige reine Erwähnung hinausgeht.

      Die fiktive Familie Crown sind Einwanderer aus Deutschland. Auch wenn die Kinder in den USA geboren und aufgewachsen sind, so pflegen die Eltern - insbesondere der Vater - weiterhin strenge deutsche Traditionen. Für deutsche Leser, die sich in die Zeiten in Amerika hineinversetzen, wirkt Jakes' Detailverliebtheit des Deutschtums mitunter schon ziemlich überladen.

      Man darf aber nicht vergessen, dass Jakes selbst als Amerikaner für Leser seines Landes nur allzuleicht die typischen Klischees bedient. Dabei kommt es vor, das er für eine Familie aus dem Nord-Württembergischen Aalen Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald neben Bier eher bayerischer Tradition und Pickelhauben aus Preußen platziert.

      Wer John Jakes als Autor mag und seine in reale Gescichte eingebetteten Romane auch als Geschichtsunterricht versteht, wird dennoch voll auf seine Kosten kommen.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • RE: Sterne der Hoffnung

      Man darf aber nicht vergessen, dass Jakes selbst als Amerikaner für Leser seines Landes nur allzuleicht die typischen Klischees bedient. Dabei kommt es vor, das er für eine Familie aus dem Nord-Württembergischen Aalen Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald neben Bier eher bayerischer Tradition und Pickelhauben aus Preußen platziert.


      Das war ja wieder klar! Aber ich glaube, umgekehrt empfinden das Amerikaner auch, wenn wir hier ein Buch schreiben würden.

      PS. Selbst das "Zitieren" funktioniert mit dem Internet Explorer nicht richtig! ?(

      EDIT by Uli: Zitat erstellt