Die Chronik der Kent-Familie - Band 8 - Der Ruf der Freiheit

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    • Die Chronik der Kent-Familie - Band 8 - Der Ruf der Freiheit

      Gideon und Julia Kent zogen 1878 mit den Kindern Carter und Will in das alte Familienhaus nach Boston, wo sie heirateten und sich Gideon um den Verlag Kent & Sohn kümmerte. Gemeinsame Kinder waren ihnen nach einer Totgeburt versagt.

      1883 wurde Carter wegen Ungehorsam vom Harvard College verwiesen, geriet in einen tödlichen Zwischenfall im Hafen von Boston und musste die Stadt verlassen. Von Gideon nach Kalifornien vermittelt, verließ er den Zug eigenmächtig in North Platte, NE in seiner Vorstellung, allein mit verbaler Schlagfertigkeit zu Erfolg zu gelangen. Doch für die kommenden vier Jahre schlug er sich am Rande der Existenz mit Hilfsarbeiter-Jobs durch und war immer wieder gezwungen, seinen Aufenthaltsort zu wechseln. Vereinzelte Lebenszeichen sandte er aus Texas, dann aus Colorado.

      Gideon's Sohn Will litt unter dem von seiner Mutter methodisch vernichteten Selbstwertgefühl, und nach Carter's Fortgang taten sich Gideon und Julia schwer, dem Heranwachsenden ein Lebensziel zu geben. Als er im Sommer 1886 als Helfer auf der Ranch von Theodore Roosevelt im Dakota-Territorium arbeitete, entdeckte er seine Faszination für die Tätigkeit als Arzt und belegte anschließend in Harvard das Studienfach Medizin.

      Mit dem festen Wunsch, als Arzt entgegen der Aussagen seiner Eltern und Bekannten zu Wohlstand zu kommen, beschloss er, die Wahl seiner Praxis nach egoistischen statt sozialen Gesichtspunkten zu treffen. Die Beziehung zu Laura Pennel, Tochter aus oberster Gesellschaftsschicht in New York City, konnte ihm die erforderlichen Türen öffnen. Jedoch behandelte auch ohne zu zögern die von Laura's Familie so tief verachteten einfachen Menschen.

      Eleanor Kent reifte zu einer bekannten Charakterdarstellerin heran. Sie heiratete den Juden Leo Goldman, mit dem sie weiterhin auf Tourneen unterwegs war, obwohl sie hiermit die zunehmend unverholene Judenfeindlichkeit der Gesellschaft auch auf ihre Person lenkte. Die seelischen Folgen der Vergewaltigung von 1877 in New York machten es ihr aber weiterhin unmöglich, sich mit ihrem Mann auch körperlich zu vereinigen.

      Gideon haderte zunehmend mit dem Gedanken, dass keiner der Kinder die Familientradition der Kents fortführen würde. Der eigensinne Carter irrte ohne feste Zukunft umher, Eleanor hatte mit ihrer Berufswahl jede Chance auf gesellschaftliche Anerkennung verwirkt, und Will drohte als Arzt dasselbe Schicksal, wobei sein schwaches Selbstwertgefühl noch hinzukam. Es war jedoch immer wieder Gideon's Frau Julia, die dem leicht hitzköpfig werdenden ehemaligen Südstaatler ausgleichend zur Seite stand. Aber auch ihr gegenüber verweigert er, wegen der zunehmenden Brustschmerzattacken einen Arzt zu konsultieren.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • Meine Einschätzung

      In der englischen Originalfassung von John Jakes ist dieser Band nur der 1. Teil achten und letzten Buches der Serie. Die deutschen Verlage haben das fast 1000 Seiten starke Gesamtwerk geteilt und als zwei separate Bücher herausgegeben. Hierdurch gestaltet sich der oben wiedergegebene Zeitabschnitt und die darin eingebettete Handlung relativ kurz.

      Mit jedem Buch werden Jakes' Schilderungen intensiver, die historischen und gesellschaftlichen Details umfangreicher, die Verstrickungen und Gedankengänge der handelnden Figuren komplexer. Dies liegt sicherlich einerseits an den zeitgeschichtlich immer detaillierter und leichter verfügbaren geschichtlichen Unterlagen, die sich Jakes vor jedem der Bücher ausführlich studiert hat. Andererseits reflektieren die Figuren - oder zumindest einige - die steigende Allgemeinbildung jener Zeit, indem stetig mehr historische Aspekte in stetig wachsendem Spektrum angesprochen werden.

      Insbesondere Gideon Kent, der viele Jahre im Zeitungsgeschäft tätig ist, dem generellen Nachrichten-Medium jener Zeit, bildet sich allein durch diese berufliche Tätigkeit fast täglich fort und erfährt alle Neuigkeiten der Welt, die nach Amerika dringen. Ähnliches kann man von seiner Frau Julia sagen, auch wenn sie sich in ihren politischen Standpunkten eher zurückhält und überwiegend gesellschaftlich tätig ist, insbesondere für die Gleichstellung der Frau.

      Gideon und Julia sind in diesem Band der ruhende Pol. Die eigentliche Handlung dreht sich um ihre drei Kinder Eleanor, Carter und Will. Alle drei verlassen das Elternhaus (Eleanor bereits im vorigen Band) und suchen ihren Weg an anderen Orten der Vereinigten Staaten, während die Eltern - von gelegentlichen Reisen abgesehen - in Boston bleiben, dem Stammsitz der Familie Kent.

      Eleanor entwickelt eine gespaltene Persönlichkeit. Einerseits betreibt sie ihre Leidenschaft, die Schauspielerei, mit Leib und Seele, wird zur Stütze der zunehmend besseren Theater-Truppen, mit denen sie Tourneen bestreitet, und sie erwirbt sich bald einen respek.tablen Namen als Charakterdarstellerin.

      Auf der anderen Seite kann sie sich noch immer niemandem mitteilen, was ihr 1877 im New Yorker Elternhaus angetan wurde. So zögert sie ihr Ja-Wort an Leo Goldman so lange hinaus, bis dieser sich von ihr abzuwenden droht, und auch als Ehepaar enden alle Versuche, sich der körperlichen Liebe hinzugeben, enttäuschend. Der geduldige Leo gibt sich selbst die Schuld und so bleibt diese Situation ungelöst.

      Carter entwickelt Züge, die teilweise seine Wurzeln im egoistischen Selbstverändnis seines Vaters Louis Kent haben, mit dem Unterschied, dass Louis seinen Reichtum durch den frühen Tod seiner Mutter Amanda geerbt hat, was Carter nicht in Aussicht steht. Der junge Mann hat die grundsätzliche Überzeugung, es sei eine Bestimmung, über den Anderen zu stehen., und er könne dies alleine mit seiner schlagfertigen Ausdrucksweise erreichen. Das Erfinden jeweils passender Geschichten geht im dabei besonders leicht vonstatten.

      Diese Überzeugung verliert Carter nicht, selbst als es das Leben durchaus nicht gut mit einem solchen Menschen meint. Ein derber Scherz führt zum Rauswurf aus dem Havard College. Den hierbei entstanden Schaden kann er nur unter der Fuchtel eines harten Vorarbeiters in einer Fischfabrik begleichen. Sein loses Mundwerk bringt ihn immer wieder auch in Schwierigkeiten, so als er in einen Mordfall im Hafenviertel verwickelt wird.

      Gideon erkennt, dass Carter durch dessen fehlende Selbstdisziplin abustürzen droht, und versucht, das pädagogisch Richtige zu tun, und vermittelt ihm durch alte Familienkontakte einen Job in einem feinen Hotel in Kalifornien. Carter, der kurzzeitig durch das Polizeiverhör beeindruckt erscheint, willigt auch zunächst ein. Doch auf dem Weg dorthin überkommt ihn mitten in der weiteren Prärie von Nebraska wieder seine Eigenwilligkeit. Er verspürt keine Lust darauf, Diener anderer Leute zu sein, und beschließt, sich ohne Geld und allein mit seiner Schlagfertigkeit durchzuschlagen.

      Schnell muss er aber erkennen, dass dies nur selten funktioniert. Immer wieder muss er einfache harte Arbeiten verrichten, um ein Dach über den Kopf und etwas zu Essen zu bekommen. Auf der Suche nach Erfolg zieht er immer weiter, von Nebraska nach Texas, Oklahoma und schließlich an die Westküste. Oft befindet er sich auch auf der Flucht, so beispielsweise nachdem er von Seefahrt-Kopfjägern reingelegt und dann von bestechlichen Polizisten ins Gefängnis gesteckt wurde. Nur ganz selten meldet er sich bei seiner Mutter in Boston und schwindelt ihr dabei immer wieder vor, dass es ihm gut gehe.

      Und der junge Will wird mit der Schulausbildung fertig, aber sein größtes Problem ist das nach wie vor nicht wiederhergestellte Selbstwertbewusstsein. So entwickelt er keinerlei Wunsch für seine berufliche Zukunft. Auch hier lässt Gideon seine Beziehungen spielen, und über eine Bekanntschaft mit dem späteren Präsidenten Theodore Rutherford verbringt Will ein paar Monate auf dessen Ranch im rauhen Nordwesten. Dort wird er in eine völlig fremde Welt mit harter und lebensgefährlicher Arbeit geworfen. Als einseiner Kameraden bei einer Stampede tödlich verwundet wird, erlebt er, wie ein alter Indianer dem Sterbenden mit einer geheimnisvollen Mixtur die Schmerzen nimmt, und beschließt, dass der Beruf des Mediziners sein Wunschziel ist.

      Gideon macht Will Vorhaltungen über diese Berufswahl, da das Leben als Arzt ebenso wie eines als Schauspieler ein Garant dafür sei, es damit niemals zu Wohlstand und zu gesellschaftlichem Ansehen schaffen. Doch Will lässt sich nun nicht vom Weg abbringen, zumal er eine Möglichkeit sieht, den großspurigen Reden seines Cousin's Carter gerecht zu werden. Will nimmt sich vor, als Arzt allein jener Schicht des Geldadels von New York zu dienen, die ihn für wenig Arbeit fürstlich bezahlen.

      Will macht die Bekanntschaft mit einem Studienkollegen, Sohn aus eben jener Schicht, in der er später sein Geld verdienen will, und wird von dessen Schwester Laura umgarnt. Will fühlt sich fremd in jener Gesellschaft, die alle einfachen Menschen als unwürdig ansieht, aber gleichzeitig ist er von Laura angezogen, über die er sein Berufsziel in erreichbarer Nähe wähnt.

      Das Ende dieses Bandes führt die drei Handlungsstränge um Gideon's und Julia's Kinder nicht zu einem erzählerischen Schlusspunkt, da das Buch - wie schon gesagt - nur der erste Teil dieses Kapitels ist. Deshalb setzt sich die Erzählung im nächsten Band nahtlos fort.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr