Die Chronik der Kent-Familie - Band 6 - Die Besiegten

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    • Die Chronik der Kent-Familie - Band 6 - Die Besiegten

      Die Geschichte überspringt seit dem letzten Buch gerade einmal zwei Jahre und fährt im Bürgerkriegsjahr 1864 fort. Louis Kent, wohlhabender Inhaber mehrerer Firmen, musste seine illegalen Geschäftsversuche mit dem konföderierten Feind wieder aufgeben, nachdem diese durch seinen eigenen Neffen Jephtha über die familien-eigene Zeitung "New York Union" publik gemacht worden sind. Im vorigen Jahr kaufte er sich vom Kriegsdienst frei.

      Jephtha verlor nach den Enthüllungen seine Anstellung bei der Zeitung, diente seitdem aber wieder in seinem angestammten Beruf als Methodisten-Pfarrer, nun bei einer Kirchengemeinde in New York City. Er hatte inzwischen Molly Emerson geheiratet, die seit Washington an seiner Seite war.

      In der Schlacht von Yellow Tavern im Mai 1864 geriet Major Gideon Kent in US-Gefangenschaft und befand sich nun im Lager Fort Deleware auf einer Insel im Delaware River nahe der Grenze zu New Jersey. Dort sah er sich den Misshandlungen eines sadistischen Wachmanns ausgesetzt, und als Gideon aufbegehrte, stach ihm dieser brutal ein Auge aus.

      Gideon's jüngster Bruder Jeremiah wurde 1863 von der Wehrpflicht erfasst und diente als einfacher Soldat, bald schon als Corporal in der Tennessee-Armee. Sein letzter Kampfeinsatz war knapp ein Jahr später bei Johnesborough in Georgia. Hiernach entsandte ihn sein im Sterben liegender Colonel auf dessen Heimatplantage im Süden des Staates, um seine Familie zu beschützen. Jeremiah befolgte den letzten Wunsch des geschätzten Kommandeurs, auch wenn er dafür desertieren musste.

      Auf der Plantage geriet Jeremiah in ein Spannungsfeld zwischen der ergebenen Witwe des Colonels, deren eigenwilliger Tochter und den Sklaven, die angesichts von Sherman's nahen US-Truppen teilweise aufsässig waren. Um zunächst die beiden Frauen, bald aber nur noch sich selbst zu schützen, tötete er mehrere Menschen, darunter die zunehmend verwirrte Tochter, und floh.

      Gideon's dritter Bruder Matthew diente weiterhin auf dem Blockadebrecherschiff, bis dieses im Sturm vor Texas kenterte. Matthew überlebte knapp, besuchte nach Kriegsende kurz seinen Vater in New York und reiste dann weiter nach England zu seiner Verlobten Dolly Stubbs, der Tochter eines Werftvorarbeiters in Liverpool, die er während des Krieges dort kennengelernt hatte. Ohne sie wie zunächst geplant zu heiraten, siedelte er mit ihr nach Paris über, um eine Ausbildung als Kunstmaler zu beginnen.

      Nach Ende des Krieges wurde Gideon entlassen, holte Margaret und Eleanor aus Richmond ab und zog mit ihnen nach New York City, um dort eine Arbeit zu finden. Doch seine Herkunft aus dem Süden machte die Suche schwer. Erst im August 1867 kam er als Rangierer bei der Eisenbahn in New Jersey unter. Währenddessen besserte er auf Margaret's Anregung seine Allgemeinbildung durch Lesen von Büchern und Zeitungen auf.

      Auch Michael Boyle, 1864 nach der Schlacht in der Wilderness verwundet ausgemustert, war vom Krieg desillusioniert. In den Versuch, nach all den erlebten Zerstörungen nun bei einem konstruktiven Aufbau mitzuwirken, arbeitete er als Schienenleger bei der Union Pacific Railroad in Nebraska. Aber auch dort musste er kämpfen, insbesondere gegen einen rachsüchtigen Vorarbeiter aus dem Süden. Dann erhielt er Nachricht von Jephtha, der ihn aufgrund seiner treuen Dienste für Amanda und Louis anstelle des im Krieg verschollenen Jeremiah inoffiziell adoptiert hatte und somit ein Viertel seines Erbes aus der kalifornischen Goldmine in Aussicht stellte.

      Louis Kent hatte seine menschenverachtende Haltung auch durch den Krieg nicht abgelegt. Er interessierte sich weiterhin nur für seine dubiosen Geschäfte. Seine Frau Julia hatte sich in der Zwischenzeit emanzipiert, engagierte sich in der Frauenwahlrechtsbewegung und verließ ihn zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Carter. 1867 investierte Louis große Summen bei Jay Gould's Erie Railroad, erlangte einen der Direktoren-Posten der Gesellschaft, und wähnte sich nun als Teil des New Yorker Geldadels.

      An der Eisenbahnbaustelle in Nebraska kam es zu einer eigenartigen Begegnung zwischen Michael Boyle und einem Büffeljäger namens Joseph Kingman, den Michael als Jephtha's Sohn Jeremiah erkannte. Dieser war nach seiner Flucht aus Georgia in den Westen gezogen und hatte zum eigenen Überleben seither nicht wenige Menschen erschossen. Auch im Bahnarbeiter-Camp kam es zu einem tödlichen Zwischenfall. Jeramiah untersagte Michael, die Familie über seinen Verbleib zu unterrichten, und zog wieder davon. Michael selbst schwor aller Gewaltanwendung ab. Mit Hanna Dorn, der Tochter des örtlichen Whiskeyverkäufers, ließ er sich in einer Stadt entlang der neuen Bahnlinie nieder und gründete einen Laden, den er zu einer kleinen Handelskette entlang der wachsenden Bahnlinie ausbaute.

      Als ein Kollege von Gideon 1868 bei einem Arbeitsunfall am Rangierbahnhof zu Tode kam und die Bahngesellschaft jede soziale Unterstützung seiner Hinterbliebenen verweigerte, gelang es Gideon, über Louis Kent Jay Gould zu konfrontieren und diesem entsprechende Forderungen abzutrotzen. Gould, der zu dieser Zeit einen Firmenwechsel plante, um gerichtliche Maßnahmen seines Konkurrenten Vanderbilt zu umgehen, entfernte Louis daraufhin aus dem Vorstand und ließ ihn niederstechen. Nach einigen Monaten im Rollstuhl starb Louis.

      Jedoch wurde auch Gideon von Gould verfolgt und verlor sein Haus durch Brandstiftung. Jephtha gab ihm aus dem Familienerbe Geld für ein kleines Haus in New York City. Gideon engagierte sich zunehmend für die Rechte der Arbeiter zur Bildung von Gewerkschaften. Jephtha ließ Louis' dekadent protzigen Landsitz vor New York City niederreißen.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • Meine Einschätzung

      Anders als in "Fackeln im Sturm" thematisiert John Jakes den Bürgerkrieg nicht so sehr als zentrales, alles beherrschendes Ereignis jener Jahre. Vielmehr dient er als Kulisse für nur relativ wenige historische Begebenheiten (hier: die tödliche Verwundung von General Jackson), während andere, aus heutiger Sicht ebenfalls gavierendere Geschehnisse kaum oder garnicht erwähnt werden. So befindet sich beispielsweise keiner der Kent'schen Kriegsteilnehmer mehr im Felde, als General Lee bei Appomattox kapitulierte. Gideon war Kriegsgefangener, Matthew hatte sich nach Texas gerettet, Michael war ausgemustert, und Jeremiah war auf der Flucht.

      Die traumatischen Erlebnisse von Gideon im US-Gefängnis und von Jeremiah in Georgia stehen stellvertretend für das gewaltige Maß an Hass, der die innere Triebfeder des Krieges war. Denn für die kriegsführenden Seiten gibt es in den letzten Jahren schon lange nicht mehr um politische oder moralische Ziele, sondern nur noch darum, irgendwie der Letzte zu sein der überlebt.

      Und auch nach dem Krieg war es eine der schwierigsten Aufgaben der Gesellschaft, eben diesen Hass friedlich beizulegen. Wie problematisch dies war, zeigt sich am Beispiel von Michael's Vorarbeiter bei der Union Pacific.

      Nach Ende des Krieges sollten die Südstaaten noch viele Jahre lang nicht mehr wirtschaftlich auf die Beine kommen. Folgerichtig verschwenkt John Jakes die Handlung in andere Gebiete, die nun wesentlich mehr Ereignisse boten.

      Der junge Familienvater Gideon hatte vor dem Krieg noch keinen Beruf erlernt, und so fand er im zerstörten Richmond keine Arbeit und zog mit Frau und Kind dorthin, wo er mehr Aufschwung erwarten konnte: in die aufstrebende Metropole New York City. Doch auch hier waren die Straßen nicht mit Gold gepflastert, und es blieb ihm nichts anderes übrig als die überaus harte und gefährliche Arbeit als Rangierer bei der Eisenbahn anzunehmen.

      Durch Zufall landete Gideon er bei der Erie Railroad, die zum Besitz des Investors Jay Gould gehörte. Dieser betont unauffällige Mann war aber einer der größten Finanzmanipulateure jener Zeit. Durch gewagte Käufe und Verkäufe, gepaart mit dem bewussten Streuen von Halbwahrheiten und Gerüchten, bediente er sich der Börse, um auf dem attraktiven Investitionsmarkt der Eisenbahnen zu enormem Reichtum zu kommen. Dies lockte auch kleine und mittlere Investoren an, die sich hierüber den Einstieg in die neue New Yorker Geld-Society erhoffen. Einer von ihnen war Gideon's Verwandter Louis.

      Louis symbolisiert die menschliche Vereinsamung von Kapitalisten, die stets nur an den eigenen Profit denken. Frau und Sohn haben ihn verlassen, und Freunde muss er sich kaufen. Seine Investition bei der Erie Railroad bringt ihm zwar einen Direktorenposten bei der Gesellschaft ein, aber Gould und seine Partner behandeln ihn absolut nicht als einen von ihnen.

      Gideon verlor mehrere Arbeitskollegen durch Unglücke im gefährlichen Berufsalltag. Die Erie Railroad als Arbeitgeber zeigte sich hierbei völlig unberührt. Daran, wie die zumeist kinderreichen Familien ohne ihren Ernährer durchkommen sollten, verschwendeten die Chefs keinen Gedanken. Als Gideon die ersten zaghaften Versuche mitbekam, wie sich Arbeiter organisieren, begann er langsam, sich ebenfalls hierfür einzusetzen.

      Dazu muss man wissen, dass es den heutigen gesetzlichen Schutz für Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiterschaft damals noch nicht gab. Die amerikanische Regierung überließ die gesamte Arbeitswelt dem freien Spiel der Marktwirtschaft. Und in gleichen Maße, in dem Großinvestoren wie Jay Gould und Cornelius Vanderbilt mehr und mehr die Kontrolle großer Konzerne an sich nahmen, wurden diese Magnaten zu erbitterten Konkurrenten. Dieser Konkurrenzkampf führte wiederum zur knallharten Ausbeutung der einfachen Arbeiter. Versuche der Arbeiter, eigene Rechte zu etablieren und durchzusetzen, wurden brutal niedergeschlagen. Das vorsichtige Entstehen der ersten Gewerkschaften war also ein durchaus lebensgefährliches Unterfangen.

      Gideon nimmt nun allen Mut zusammen, ermittelt den Aufenthaltsort von Jay Gould, seinem obersten Arbeitgeber, nutzt dabei die Anwesenheit seines Cousins Louis um sich Zutritt zu verschaffen, und überrumpelt den Investor in einem Freudenhaus. Als er mit der Presse droht, knickt Gould ein und bezahlt den geforderten Betrag für die Hinterbliebenen.

      Natürlich belässt es ein Mann wie Gould nicht dabei. Gideon verliert den Job und sein Haus wird angezündet. Als sich Gould mit dem Kapital der Erie Railroad in einen anderen Staat absetzt, wird Louis ausgebootet, anschließend überfallen und tödlich verwundet. Schließlich muss Louis erkennen, dass seine Fähigkeiten nicht ausgereicht hatten, im Kreise der Größten mitzuspielen.

      Auf der Eisenbahnbaustelle im fernen Nebraska schuftet Michael Boyle sehr schwer, aber der örtliche Bauleiter fasst Vertrauen zu ihm. Ein ehemals konföderierter Offizier, der die Schmach der Niederlage nicht verwinden kann, lässt seinen persönlichen Hass an Michael sowie an farbigen und indianischen Arbeitern aus. Als es zum unausweichlichen Kampf kommt, wird der Vorarbeiter entfernt und Michael erhält dessen Posten.

      Jephtha schreibt ihm aus New York, er glaube nun, dass nur zwei seiner Söhne den Krieg überlebt hätten, weil man von Jeremiah seit Jahren nichts mehr gehört hatte. Deshalb habe er Michael an Jeremiah's Stelle als Miterbe der Familie Kent eingesetzt. Für Michael ist nun endgültig klar, dass sich das Gute im Menschen durchsetzen kann, sowohl bei Menschen wie Jephtha, die etwas zu geben haben, als auch bei Menschen wie ihm, der nach Amanda's Vorbild zu leben versucht. Er findet die zaghafte Liebe zu der stillen, aber bibelfesten Tochter eines Verkäufers und beschließt, ein gewaltfreies Leben zu führen.

      Einmal noch wird diese Überzeugung aber ins Wanken gebracht. Ein skrupelloser Büffeljäger, der das Lager mit Fleisch beliefert, stellt sich überraschend als Jeremiah Kent heraus. Michael hatte ihn noch nie gesehen, aber über eine künstlerische Zeichnung von Matthew Kent in Michael's Koje entdecken sie die Verbindung zueinander. Jeremiah hat sich derzeit Joseph Kingman gewählt, wie bei jedem Tarnnamen mit seinen richtigen Initialen J. K.

      Der Krieg hatte Jeremiah zerstört. Er tötet nun Menschen ohne nachzudenken, mit maschineller Fertigkeit, mitunter bereitet es ihm sogar eine gewisse Genugtuung. Der Leser kann nicht mitzählen, wie viele es am Ende sein werden, aber das zweite Dutzend macht er allemal voll. Der Krieg und die grausamen Erlebnisse in Georgia haben ihm jedes menschliches Mitgefühl genommen. Der logische Weg führt ihn danach in den Westen, in kaum erschlossene und noch sehr rauhe Gebiete in Kansas und Nebraska, weit weg von jeder Form der Zivilisation. Alkohol, Kartenspiel und andere Laster werden seine Begleiter. Die merkwürdige Partnerschaft zu dem verstoßenen Indianer ist da schon eine skurile Ausnahme, aber es ist auch kaum mehr als eine Zweckgemeinschaft zum Überleben.

      In klaren Momenten weiß Jeremiah sehr wohl, wie es um ihn steht. Deshalb untersagt er Michael, der Familie zu berichten, das es ihn noch gibt. Es sei besser, wenn die Familie weiter daran glaubt, dass er irgendwo unter den zig-tausenden unidentifizierter Toten sei, als dass sein Lebenswandel die Familienehre befleckt. Michael tut sich sichtlich schwer damit, aber er wird dieses Geheimnis für sich behalten.

      Neben dem "Wilden Westen" als neuen Schauplatz behandelt dieser 6. Band hat zwei thematische Schwerpunkte: die Trauma-Bewältigung des vergangenen Bürgerkrieges in ihren verschiedenen Facetten, und das Aufkommen der unkontrolliert kapitalistischen Wirtschaft als Triebfeder für die Entwicklung im Norden. Beide Themen bieten Stoff für die nächsten Bände.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr