19.11.1863 - Eine kurze Rede für die Ewigkeit

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    • 19.11.1863 - Eine kurze Rede für die Ewigkeit

      Dass Politiker gerne reden, ist uns wohlbekannt. Dass ein Präsident eine Rede hält, ist auch keine Besonderheit. Gemeinhin kann man es damit aber halten wie Konrad Adenauer, der im Bundestag offen zugab: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern."

      Aber das, was Abraham Lincoln, seines Zeichens Präsident der Union (Nordstaaten), am 19. November 1863 auf einem Friedhof in gerade einmal zweieinhalb Minuten sagte, ist wahrlich in die Geschichtsbücher eingegangen. Unter dem Namen: "The Gettysburg Address" - Die Gettysburg-Ansprache.

      Gettysburg - wir erinnern uns - war Austragungsort jener fürchterlichen Schlacht, die vom 1. bis 3. Juni 1863 so viele Opfer gefordert hatte wie noch kein Ereignis der amerikanischen Geschichte zuvor. Rasch war klar, dass man dort am Ort des Geschehens eine Stätte der Erinnerung an die Opfer errichten würde, gleichzeitig ein Friedhof als letzte Ruhestätte jener Gefallenen. Fünf Monate später war der Friedhof soweit angelegt, dass man ihn mit einer kleinen Zeremonie einweihen wollte. Neben einem bekannten Publizisten als Redner bat man Präsident Lincoln, ein paar Zeilen beizusteuern.

      So versammelte sich politische und gesellschaftliche Prominenz auf dem neuen Gottesacker in der Kleinstadt von Süd-Pennsylvania und lauschte über drei Stunden lang einigen Musik- und Gesangsdarbietungen, einem Gebet, und den langatmigen Ausführungen von Edward Everett. Anschließend trug Lincoln, der ausdrücklich als Gast eingeladen war, folgende wohl-ausformulierte und absichtlich kurz gehaltene Rede vor:

      Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese - oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte - Nation dauerhaft bestehen kann. Wir haben uns auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges versammelt. Wir sind gekommen, einen Teil dieses Feldes jenen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben gaben, damit diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, dass wir dies tun.

      Doch in einem höheren Sinne können wir diesen Boden nicht weihen – können wir ihn nicht segnen – können wir ihn nicht heiligen. Es waren die tapferen Männer, Lebende wie Tote, die hier kämpften, die ihn weit mehr geweiht haben, als dass unsere schwachen Kräfte dem etwas hinzufügen oder etwas davon wegnehmen könnten.

      Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten. Es ist vielmehr an uns, den Lebenden, dem großen Werk geweiht zu werden, welches diejenigen, die hier kämpften, so weit und so edelmütig vorangebracht haben.

      Es ist vielmehr an uns, geweiht zu werden der großen Aufgabe, die noch vor uns liegt – auf dass uns die edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben – auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen – auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben möge – und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk, und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.


      Es gibt zahlreiche Deutungen und Auslegungen dieses Textes. Ebenso gibt es minimal voneinander abweichende handschriftliche Urfassungen, wohl verschiedene Stadien der Entwicklungen dieser Rede durch Lincoln. Ich möchte hierzu auf Wikipedia verweisen, insbesondere auf den sehr ausführlichen englischen Artikel.

      Unbestritten ist aber, dass es Lincoln gelungen ist, mit wenigen Sätzen den gedanklichen Bogen zu spannen von der Gründung der Vereinigten Staaten über die gemeinsame Verantwortung zu ihrem Erhalt bis zur Zukunft im Sinne des Wiederaufbaus einer gelebten Demokratie.

      Lincoln selbst war übrigens zunächst enttäuscht, dass seine Rede auf jenem Friedhof kaum Beifall fand. Historiker denken heute, dass es vielleicht die Kälte im November war, die die Zuschauer nach fast drei Stunden, die sie schon dort standen und aufmerksam zuhörten, von Lincoln's hoher, leiser Stimme ablenkten. Oder sie waren von der Kürze der Rede überrascht. Nach der Länge des vorigen Vortrages waren viele auf einen ähnlich langen Monolog eingestellt und bekamen kaum mit, was Lincoln sagte, bevor er auch schon wieder damit fertig war. Nicht einmal der anwesende Fotograf hatte seine Kamera bereit gemacht, wähnte er sich doch mit reichlich Zeit für ein Bild ausgestattet. Und Reporter schrieben nur einige Stichpunkte mit, sodass auch in den Zeitungen des Nordens die Rede nicht verbreitet und gewürdigt werden konnte.

      Nur ausgerechnet Lincoln's Vorredner Everett erkannte den Wert der Rede. Er schrieb später an Lincoln: "Verehrter Herr Präsident! Ich wünschte, ich könnte mir schmeicheln, den Kern der Sache in zwei Stunden so prägnant zum Ausdruck gebracht zu haben, wie es Ihnen in zwei Minuten gelungen ist."

      Erst Jahre nach Lincoln's Tod wurde seine "Gettysburg Address" im Wortlaut bekannt und abgedruckt, und gehört seitdem zum Kulturgut der U.S.A. Im monumentalen Lincoln-Denkmal in Washington ist sie ebenso auf einer Bronce-Tafel vollständig zu lesen wie am Ehrenmal am Friedhof von Gettysburg.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • Da gebe ich Dir Recht. Oberflächlich feierte man ihn von dem Tag von Lee's Kapitulation. Aber die tatsächliche Größe dieses Mannes wurde erst nach selnem Tod langsam deutlich.

      Hier noch zwei Bilder aus dem Internet:
      Ich habe erzählt, dass der Fotograf nicht schnell genug war für ein Bild von Lincoln bei seiner Ansprache. So glaubte man lange Zeit, dass es garkein Bild vom Präsidenten bei seiner berühmten Rede gab. Erst spät entdeckte man ihn auf einer anderen Aufnahme in der Menschenmenge. Lincoln, ohne seinen typischen Zylinder, aber mit weißem Hemd, Fliege und schütterem Haar, blickt etwas nach unten. Vermutlich geht er noch einmal sein Redemanuskript durch.

      1. Bild: Die Aufnahme:
      [IMG:http://static.guim.co.uk/sys-images/Guardian/Pix/pictures/2012/11/19/1353334154194/Abraham-Lincoln-giving-th-005.jpg]
      2. Bild: Ausschnitt, hervorgehoben ist Lincoln:
      [IMG:http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/10/Lincolnatgettysburg.jpg/300px-Lincolnatgettysburg.jpg]
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • Mein Vater hat mir eine Kopie dieser Rede sowie der Unabhängigkeitserklärung (jeweils auf Pergament gedruckt und deshalb leider nicht mehr lesbar) sowie einen Bildband mit Fotos von Matthew Brady aus dem Bürgerkrieg mitgebracht.

      Es ist wirklich bedauerlich, dass erst die Nachwelt Lincolns wahren Wert erkannt hat. Der Mann hatte gewiss auch seine Fehler, ist aber neben Kennedy der Präsident der USA, den ich am meisten schätze.
      Ich habe gelernt, dass es bei allen Völkern gute und böse Menschen gibt. Die Farbe der Haut ist nicht entscheidend.
      (sinngemäßes Zitat nach Leutnant Robert Merril aus dem Film Winnetou II)