Ich in Amerika vor 1860

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    • Ich in Amerika vor 1860

      In diesem Thema darf geträumt werden. Und ich denke, jeder von uns hat sich schonmal gedanklich nach Amerika in die Zeit versetzt, in der Fackeln-im-Sturm spielt. Lasst mal Euren Gedanken freuen Lauf und erzählt davon:
      • wer oder was seid Ihr? Wohlhabeld, bürgerlich, oder eher einfach?
      • was macht Ihr oder Eure Familie? Industrielle? Plantagenbesitzer? Farmer? Handwerker? Händler? Soziale Aktivitäten? Politiker? Soldaten?
      • wo lebt Ihr? In einer Stadt oder auf dem Land? Im Norden oder im Süden? Oder "zwischen den Fronten" z.B. in Maryland? Oder weit weg im Westen?
      • wie ist Eure Einstellung zu den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit? Seit Ihr aktiv beteiligt? Oder besorgt? Oder doch eher gleichgültig?
      • und was sonst fällt Euch noch so ein?
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • O.k. - dann mach ich mal den Anfang! :P

      Nach einigem Nachdenken könnte ich mir ein bürgerliches Leben in Charleston vorstellen, der Perle des Südens oder auch „Holy City“ genannt der vielen Kirchtürme wegen. Keine andere Stadt, die ich persönlich kenne, besitzt den Charme des alten Südens so sehr wie Charleston, keine Wolkenkratzer und keine Industrie. Es ist der Duft des Südens und die Art der Menschen, hier zu leben, die mich anzieht und um 1860 war diese Stadt eine der reichsten Städte des Landes.

      Mein kleines Haus würde mitten in Charleston liegen, vielleicht mit einem kleinen Blick auf das Meer. Es wäre weiß mit einem Spitzdach aus dunkelgrünen Dachziegeln und Fensterläden. Es hätte eine schöne überdachte Terrasse, die zur Kühlung dient und an der natürlich weiße Säulen nicht fehlen dürften. Hier würde ich auch nachmittags, wenn der warme Regen fällt, sitzen und träumen. Auch die Eingangstür, die man durch fünf Stufen erreichen würde, wäre überdacht mit einem kleinen Baldachin aus grünen Dachziegeln passend zu den Fensterläden. Und ringsherum gäbe es ein weißes Geländer, verziert mit kleinen Säulen, die den Großen ähneln. Palmen, Magnolienbäume und Zierpflanzen würden diese Idylle abrunden.

      Ich wäre kein Plantagenbesitzer und ich würde auf Sklavenarbeit, so gut wie es eben damals ging, verzichten. Ich würde selbst tätig werden mit Menschen, die gleiche Interessen hätten. Ich könnte mir vorstellen ein Autor, Verleger, Redakteur und Fotograf in der damaligen Zeit zu sein, um meine eigene visuelle und schriftliche Bibliothek zu gestalten. Neben Portraits, Zeitgeschichte, Kriegsjournalismus und Realität würde ich das politische und gesellschaftliche Leben in Charleston vor, während und nach dem Krieg recherchieren und dokumentieren.

      Eine aktive Teilnahme am Krieg kann ich mir nicht vorstellen, vielmehr würde ich versuchen, Hilfsorganisationen für Kriegsgeschädigte und zivile Opfer zu unterstützen. Nach dem Krieg würde ich mich sehr für den Erhalt und den Wiederaufbau der schönen Stadt einsetzen und versuchen, ihr den Glanz und die Eleganz des Südens zurückzugeben.
      Glücklich sind nicht die Menschen, die keine Sorgen haben, sondern die, die positiv mit Dingen leben, die alles andere als perfekt sind.
    • Lieben Dank für Deine Gedanken, Melly. So sehr unterscheiden wir uns da nicht. Meine "Welt" wäre etwa so:

      *-*-*-*-*-*-*-*-*

      Ich lebe ebenfalls im Süden (logisch!), aber nicht in der Stadt Charleston sondern außerhalb, aber nicht mehr als 2-3 Stunden zu Pferde davon entfernt. Natürlich lebt meine Familie bei mir. Ich hätte ein Haus ähnlich wie Mont Royal, nur nicht so groß und und prächtig. Aber die Stil-Elemente (Auffahrt, Säulen-Veranda, flaches Dach) müssen natürlich sein. Dazu ein Pferdestall, denn Reitpferde und Kutschen gehören auf dem Land unbedingt dazu.

      Ich besitze Land, ziemlich viel Land, das wirtschaftlich genutzt wird, aber nicht als Plantage mit großer Sklavenarbeit. Ich habe Ton- und Lehm-Vorkommen im Boden, aus denen ich in der eigenen Ziegelei Baustoffe herstelle, und ich habe Zypressen-Waldbestände, die ich im Sägewerk zu Bauholz verarbeite. Über die allgegenwärtigen Wasserläufe transportiere ich das Material nach Charleston, wo ich es zu Bau neuer Häuser verkaufe. Das wäre mein Einkommen.

      Natürlich brauche ich dafür Arbeitskräfte. Manche Arbeiten wie die Bedienung der Säge (angetrieben durch Pferde- oder Wasserkraft, erst nach dem Krieg durch die erste Dampfmaschine) ist nach geltendem Sozialcodex nur für weiße Arbeiter, die keine Sklaven sind sondern Lohn bekommen. Für mich arbeiten aber auch viele Farbige, und weil es dort im Süden gesellschaftlich nicht anders geht, sind sie Sklaven, auch wenn ich alles tue um dies so menschlich wie möglich sein zu lassen. Ich fördere es, dass begabte Farbige bessere Tätigkeiten bekommen als nur Lehm zu stechen oder Holz zu schleppen. Ich bin bestrebt, meine Leute nicht durch Angst und Schrecken, sondern durch das Gefühl der Zufriedenheit zusammenzuhalten - auch und gerade im Vergleich zu Sklaven anderer Herren, denen es schlechter geht. Gemeinsam mit ihren Frauen und Kindern sind es 30 - 50 Farbige.

      Der gesellschaftliche "Anstrich" ist mir wichtig, denn ich engagiere mich in der Lokalpolitik von South Carolina, habe einen Sitz für mein County (Landkreis) im Repräsentantenhaus. Als Unternehmer, der an der Gestaltung des Landes beteiligt ist und gesellschaftlich etabliert ist, ist ein solches Amt in der damaligen Zeit nicht unüblich.

      Ich bin Patriot, das ist kein Geheimnis. Ich vertrete die Ansicht, dass die Verfassung die Gestaltung des Lebens so weit wie möglich den Regionen oder Staaten selbst überlässt, und dass sich die Regierung im fernen Washington auf das absolut Notwendigste beschränken sollte. In der sich zuspitzenden politischen Lage stehe ich ganz auf der Seite des Südens. Nur in der Sklavenfrage habe ich eine vorsichtig neutrale Haltung. Ich weiß, dass der Süden aktuell nicht ohne Sklaverei auskommt, aber dass ein Wandel hin zur allgemeinen Lohnarbeit vermutlich noch ein bis zwei Generationen Zeit braucht.

      Mit Ausbruch des Krieges bietet man mir eine Beraterstelle an, um meine Erfahrung als Unternehmer zu nutzen, verbunden mit dem Rang als Brigadegeneral. Einen Posten in der Davis-Regierung in Richmond lehne ich ab, um Familie und Unternehmen nicht ganz sich selbst überlassen zu müssen, und mit 50 Jahren kommt ein Kampfeinsatz nicht infrage. Meine Aufgabe ist daher die Nachschuborganisation in South Carolina und Georgia. So halte ich mich in dieser Zeit oft in Charleston, Savannah, Atlanta, gelegentlich auch in Richmond auf. Der militärische Rang öffnet mir die notwendigen Türen. Als ehemaliger Freiwilliger im Mexiko-Krieg - wenn auch nur in der Reservetruppe und nicht direkt im Kampf - weiß ich, wie grausam Krieg sein kann. Und so ist die Arbeit an Nachschub und Versorgungsgütern zur Linderung der Folgen der richtige Dienst für mich.

      Nach 1865 ist der Süden am Ende. Alles muss wiederaufgebaut werden. Mein Haus haben Sherman's Leute ausgebrannt, steht aber noch weil die Mauern aus Stein sind, und kann wiederaufgebaut werden. Als Baustoffproduzent kann ich auch meinen Teil zum allgemeinen Wiederaufbau beitragen. Sklaven habe ich keine mehr, aber einige sind geblieben und stehen jetzt in meinem Lohn und Brot - vielleicht weil ich sie davor eben nicht zu schlecht behandelt habe. Und viele weiße Heimkehrer - ehemalige Soldaten oder Vertriebene -, die ihr eigenes Hab und Gut verloren haben, können bei mir arbeiten. Es soll noch viele Jahre und Jahrzehnte dauern, bis sich meine Tätigkeit tatsächlich auszahlt, weil kein Geld da ist, um gutes Baumaterial gut zu bezahlen. Aber ich verstehe, dass ohne solche Aufbauleistung niemals Geld da sein wird, um jemals irgendetwas bezahlen zu können.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • @Uli: Das hört sich richtig gut an! Mit Sicherheit würden wir uns in dieser Zeit auch mal begegnen, sei es durch Bauholz, was ich mir für mein Haus gekauft hätte. Oder später in einem Interview, dass ich mit Dir aufgrund Deines Unternehmens geführt hätte. Oder vielleicht dann zu einer Portraitaufnahme als Brigadegeneral. Und wahrscheinlich nach dem Krieg, was den Aufbau der schönen Stadt betrifft. :idee

      @ Silvi: Das macht doch nichts, dass Dir nichts einfällt. Dennoch würde ich gerne wissen, warum Dich der Norden mehr anspricht!? :happy
      Glücklich sind nicht die Menschen, die keine Sorgen haben, sondern die, die positiv mit Dingen leben, die alles andere als perfekt sind.
    • Als Ulis Frau würde ich mich nicht nur um den Haushalt kümmern, sondern auch sozial betätigen.
      Vorallem würde ich die Kinder (weiße und farbige) im Lesen und Schreiben unterrichten.
      In Krieg wäre dann sicherlich die Pflege der Verwundeten meine Aufgabe. Ich würde jedem Sklaven, der
      weg möchte, die Flucht ermöglichen. Nach dem schrecklichen Krieg bin ich meinem Mann beim Aufbau unserea Hauses
      behilflich und erledige die Büroarbeiten für ihn. In meiner Freizeit würde ich gerne malen und Bücher schreiben und lange
      weite Ausritte über unser Land machen. Auch die Politik in dieser Zeit würde mich interessieren.
    • Schön, dass Ihr Euch so einig seid. Das Thema Familie habe ich bewusst außen vorgelassen, da ich nicht glaube, dass mein Mann im Süden leben wollte. Ich denke, ihn treibt es eher ganz nach Westen und wenn er nur die Wahl zwischen Norden und Süden hätte, dann würde er sich für den Norden entscheiden. Landschaftlich und naturverbunden wie er ist, ist er lieber im Westen unterwegs. Eine Stadt und natürlich das Thema Sklavenfrage, auch wenn man die besten Absichten hat, wäre für ihn ein rotes Tuch gewesen. Die Sklavenfrage war zu diesem Zeitpunkt allgegenwärtig und ich bin nicht sicher, ob man wirklich hätte so handeln und sich raushalten können, wie wir das aus heutiger Sicht rückblickend betrachten. Gerade auch, wenn man in die Politik geht. In Charleston vor allen Dingen gab es ja die großen Sklavenmärkte, die Sklavenversteigerungen gehörten zum Leben. Es war also völlig normal für die damaligen Verhältnisse. Vor 1860 hat ja auch noch keiner daran geglaubt, dass es tatsächlich zum Krieg kommt, der dann auch noch so lange andauert. Hinterher ist es immer leichter, gewisse Verhaltensweisen zu studieren und zu beurteilen, zumal uns auch der Ausgang der Geschichte bekannt ist. Aber damals, wenn man dort aufgewachsen und gelebt hätte...? Nach heutiger Sicht würde es auch keinen zweiten Hitler mehr in dieser Form geben! Ich glaube, es bleibt doch schwer zu beantworten. :dududu
      Glücklich sind nicht die Menschen, die keine Sorgen haben, sondern die, die positiv mit Dingen leben, die alles andere als perfekt sind.
    • @Melly
      In meinen Augen blickt der Norden mehr der Zukunft. Ich empfinde ihn allgemein als aufgeschlossener und moderner. Und es gibt keine Sklaverei!!! Was natürlich nicht heißt, dass einige Nordstaatler Farbige besser behandelten. Wie schon gesagt, könnte ich mir eher vorstellen, dort zu leben als im Süden.
      Wir bezahlten für alles, was wir bekommen oder in der Welt nehmen, einen Preis.
    • Da gab es Schlupfloch...

      Im Norden konnte man sich mit 300 Dollar von der Wehrpflicht freikaufen. Im Süden wurde die Sklavenhalter verschont, die mehr als 20 Sklaven besaßen.
      Eine bittere Redensart kam auf: "Die Reichen führen Krieg, aber die Armen fechten ihn aus."

      Und es gab die Möglichkeit für den Eingezogenen einen Ersatzmann zu stellen. Die Überlegung dahinter: Ein Mann, der einen Ersatz zur Verfügung stellen konnte, war an der Heimatfront oder bei der Bereitstellung und Beschaffung von Kriegsmaterials nützlicher als in der Armee.
      Dieses Privileg wurde allerdings im Dezember 1863 wieder abgeschafft, weil der Mißbrauch so hoch war, denn viele Ersatzleute desertierten so schnell wie möglich, um sich erneut zu "verkaufen". Bis Ende des Jahres 1863 stieg der Preis für einen Ersatzmann auf 6000 Dollar.

      P.S.
      Die Idee mit dem Ersatzmann wurde früher auch in Europa praktiziert
      Wir bezahlten für alles, was wir bekommen oder in der Welt nehmen, einen Preis.
    • Mein Vater hätte eine Sägemühle und ich wäre mit einem Plantagenbesitzer verheiratet, der der moderner werdenden Technik positiv gegenüber steht und (wie ich) fortschrittlich denkt. Unsere Plantage wäre auch eine Mischung aus Plantage und Farm. Wir bauen Gemüse, Kartoffeln, Getreide, Mais und Reis für den Eigenverbrauch (Plantage) und Baumwolle, Reis und Tabak zum Verkauf an. Unsere Plantage liegt an einem kleinen Fluß mitten in Georgia. Für uns ist es selbstverständlich, dass unsere Kinder (auch unsere 3 Mädchen) lesen, schreiben und rechnen lernen. Ebenso legen wir auf freies Denken großen wert. Auch ermöglichen wir unseren 2 Söhnen den Besuch auf West Point.

      Bei uns wird kein Sklave ausgepeitscht und alle haben abwechselnd einen freien Tag in der Woche. Und da ich mich auch um unsere kranke Sklaven und schwangeren Sklavinnen gut kümmere, sind alle gerne bei uns. Ein Teil unserer Sklaven arbeitet auch in unserer Baumwollspinnerei. Denen und den Sklavenkindern bringe ich lesen bei. Das nehmen mir allerdings unsere Nachbarn übel.

      Wir informieren uns regelmäßig über die politische Entwicklung, die uns langsam sorgen bereitet.

      Da unsere Sklaven gut behandelt werden, bleiben die meisten während und nach dem Krieg bei uns, auch als die Sklavenbefreiung politisch durchgesetzt wurde. Die bleibenden haben bei uns dann freie Kost und Logis und bekommen sogar ein kleines Gehalt. Die Höhe richtet sich nach der Art der Arbeit (Haus, Feld, Spinnerei). Unsere Söhne wurden zwar beide während dem Krieg angeschossen, haben aber beide ohne großartige körperliche Schäden überlebt. Der jüngere der beiden übernimmt nach dem Tod meines Vaters dessen Sägemühle.
    • Ja, ich kann mir das vorstellen, wie Du da gelebt hättest. Aber ich habe etwas Sorge, dass Euer Umgang mit den Sklaven nicht lange gut gegangen wäre. Ausgerechnet in Georgia, einem der stolzesten Staaten des Südens. Die Emanzipation war damals nur gaaaaanz vorsichtig und unter dem Mantel der Verschwiegenheit möglich, ohne selbst sozial ins Abseits zu geraten. Im schlimmsten Fall wären die Nachbarn oder die Miliz sogar gegen Euch vorgegangen, weil sie fürchten, dass Eure Bemühungen zu Sklavenaufständen führen. Das war nämlich ihre ständige Angst: Schwarze mit Bildung konnten ihre Lage erkennen und waren deshalb gefährlich.

      Ich weiß selber, wie schwierig das ist, aus unserer heutigen Sicht die Sklaverei in diese Träumerei einzubauen. Ich würde gern einfach darauf verzichten. Ich hab mich in meinem Beitrag oben schwer getan, etwas zu beschreiben, was ich eigentlich garnicht mag. Aber als Farmer oder Plantagenbesitzer ging es nicht ohne. Es war eine verdammte Zwickmühle. Denn um die Sklaverei zu erhalten - ob man sie nun verteidigte oder nicht - durfte man nicht zu gut zu den Farbigen sein. Natürlich muss man sie nicht schlagen und auspeitschen, aber zu viele Freiheiten brachten auf der anderen Seite das gesamte System in Gefahr.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr