22.09.1862 - Die Emanzipations-Proklamation

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    • 22.09.1862 - Die Emanzipations-Proklamation

      Am 22. September 1862, gerade mal 5 Tage nach der entsetzlichen Schlacht von Antietam, verklärte US-Präsident Lincoln seine lange vorbereitete Emanzipations-Proklamation. Man muss sich das so vorstellen, dass er zweimal denselben Wortlaut vom Blatt vorlaß, einmal vor seinem Kabinett (wie in Fackeln in Sturm richtig gezeigt) und einmal vor dem versammelten Repräsentantenhaus, wo auch die Presse dabei ist. Damit ist diese Präsidenten-Erklärung gültig.

      Was bedeutet "Emanzimations-Proklamation"?
      Das Wort "Proklamation" habe ich oben bereits erläutert: Es ist eine öffentliche Willenserklärung. Das Wort "Emanzipation" steht für Gleichberechtigung. So wie vor ein paar Jahrzehnten bei uns die Emanzipation der Frauen in der Gesellschaft und im Berufsleben begann, so war es damals in USA die Gleichberechtigung der Farbigen zu den Weißen.

      Was besagt die Proklamation?
      Kurz und knapp: Lincoln bestimmte, dass ab dem Jahresbeginn 1863 all diejenigen Menschen, die in den derzeit in Rebellion zur USA stehenden Staaten als Sklaven gehalten wurden, ab sofort und dauerhaft freie Menschen sein sollten. Des Weiteren trug Lincoln diesen Menschen auf, keine Gewalt gegen seine früheren Herren anzuwenden, sondern stattdessen für einen angemessenen Lohn zu arbeiten.

      Was bezweckte Lincon von dieser Proklamation?
      Er konnte nicht erwarten, dass sofort sämtliche farbigen Sklaven in Virginia, South Carolina, Mississippi und den anderen Südstaaten als freie Menschen herumlaufen würden. Denn er wusste ganz genau, dass die Südstaaten der Meinung waren, Lincoln hätte ihnen garnichts zu sagen. Auch wenn der Text der Proklamation klar und deutlich sagt, worum es geht, war die Sklavenbefreiung und -emanzipation in diesem Moment nur Lincoln's zweites Ziel. Das wollte er sich für die Zeit nach dem Krieg aufheben.

      Lincoln's vordringliches Ziel war es, die europäischen Staaten davon abzubringen, die Konföderierten Staaten als souveränen Staat völkerrechtlich anzuerkennen. Genau das wäre nämlich wahrscheinlich passiert, wenn die Schlacht von Antietam für den Norden verloren gegangen wäre. Und die Sache war noch immer nicht vom Tisch. So politisch, wirtschaftlich und militärisch bedeutende Staaten wie Frankreich und England sympathisierten eher mit dem Süden als mit der Union. Mit dem Süden trieben sie größeren Handel (Baumwolle, Tabak), der Süden kaufte mehr Waren bei ihnen (mangels eigener Industrie) als der Norden, und gegen den Norden hatte vor allem England bereits zwei Kriege verloren (den Unabhängigkeitskrieg und den von 1812).

      Wenn es Lincoln nun gelang, international gesehen den Bürgerkrieg von einer rein politischen Auseinandersetzung auf ein humanitäres Fundament zu stellen, indem er die Abschaffung der Sklaverei zum Kriegsziel erklärt, konnte er hoffen, dass Frankreich und England die Konföderation nicht anerkennen würden, da sie selbst bereits vor Jahrzehnten die Sklaverei in ihren eigenen Gebieten abgeschafft und geächtet hatten.

      Mit dem Schachzug dieser Proklamation zeigte Abraham Lincoln, wie sehr er das Räderwerk der internationalen Diplomatie durchschaute. Sein Plan ging auf. Die europäischen Staaten waren sogar erleichtert, die schwierige Entscheidung pro Südstaaten und damit pro Sklaverei jetzt nicht mehr diskutieren zu müssen. Denn mit dieser Proklamation machten die Nordstaaten den Schulterschluss mit der in Europa gültigen gesellschaftlichen Ausrichtung, wonach Leibeigenschaft abgeschafft war.

      Was für Auswirkungen hatte die Proklamation?
      Viele.
      Im Norden trieben die politischen Kräfte weiter auseinander und erhöhten das Spannungsverhältnis untereinander. Lincoln's republikanische Parteifreunde feierten ihn, denn sie hatten stets die Sklavenbefreiung gefordert. Demokraten und gemäßigte Kräfte waren dagegen, so wie sie mehr und mehr gegen den ganzen Krieg waren. Sie hätten den Süden am Liebsten gewähren lassen. Und die breite Schicht der Arbeiter in den Städten hatte Sorge um ihre Arbeitsplätze - insbesondere die niedrig bezahlten irischen Einwanderer -, wenn nun unzählige Farbige für noch weniger Lohn ihre Jobs wegnehmen würden (Fackeln im Sturm: siehe die Einlassung von Kriegsminister Stanton zu Lincoln - stimmt genau).

      Im Süden gab es durchaus einige Farbige, die sich unerlaubt von ihren Arbeitsplätzen entfernten. Und auch einige Sklavenbesitzer ließen sie ziehen (wie in Fackeln im Sturm). Aber das waren deutlich die Minderheit. Denn ohne die Sklaven konnten die Plantagen und Farmen einfach nicht wirtschaften. Andere Arbeitskräfte waren in Kriegszeiten garnicht zu bekommen, und sowohl der Absatz (Seeblockade) als auch der Verkaufserlös (Requirierungen durch das Militär, Inflation) der produzierten Waren war auch so schon gering genug. Deshalb versuchten die meisten Sklavenbesitzer, ihre Arbeiter bei sich zu behalten. Leider griffen sie dafür teilweise noch mehr zu so unschönen Mitteln wie Gewalt oder Abschreckung (siehe Salem Jones).

      International erreichte Lincoln genau, was er wollte: er konnte die Souveränität des Südens weiter abstreiten, und auch kein anderes Land der Welt erkannte diese an.

      Und letztlich gab Lincoln damit die Sklavenbefreiung als politisches Ziel für die Zeit nach Ende des Krieges vor, wenn die Südstaaten wieder Teil der Union sein würden. Die Proklamation selbst hat keinen einzigen Farbigen freigesetzt. (In einigen Nordstaaten gab es noch vereinzelnte Sklaven, diese waren von der Proklamation ja sogar ausdrücklich ausgenommen, sie bezog sich ja nur auf die rebellierenden Staaten.) Aber Lincoln legte damit den Grundstein für den 12. Verfassungszusatz, der die Sklaverei ausnahmslos verbietet. Sobald der Süden wieder Teil der Union ist, gilt dies dort dann auch.

      Ich hoffe, ich konnte ein wenig Einblick in die komplizierte Welt der politischen Verstrickungen geben, die außen um die ganzen Soldaten und Schlachten herum gesponnen wurden und doch für eben die kämpfenden und die unter den Kämpfen leidenden Menschen so unverständlich wie wichtig waren.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr
    • RE: 22.09.1862 - Die Emanzipations-Proklamation

      "Die Proklamation selbst hat keinen einzigen Farbigen freigesetzt. (In einigen Nordstaaten gab es noch vereinzelnte Sklaven, diese waren von der Proklamation ja sogar ausdrücklich ausgenommen, sie bezog sich ja nur auf die rebellierenden Staaten.) "

      Hierzu kann ich nur sagen: wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!

      Vielen Dank für die Ausführung Uli. Durch Deine Erklärungen fügt sich alles zu einem Ganzen zusammen, kurz und doch alles sehr schlüssig! :thumbup:
    • Nett von Dir, Melly, das gibt Lust zum Weitermachen. Diese Beiträge brauchen durchaus etwas Zeit, und wenn sie Euch gefallen, setze ich die Geschichte fort. Es gibt noch sehr viel, worüber es sich in den kommenden Jahren zu berichten lohnt.
      "Then there is nothing left for me but to go and see General Grant, and I would rather die a thousand deaths.
      Gen Robert E. Lee, Appomattox Court House, 9. April 1865, 8.30 Uhr